Mandolinata Karlsruhe 1962
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Mit Pauken und Trompeten

Wie es der Zufall so wollte – man könnte es auch als glückliche Fügung bezeichnen –, unterhielt ich mich beim Landes-Orchesterwettbewerb (Vorentscheid zum Deutschen Orchester-Wettbewerb) am 24. Oktober 2015 in Bruchsal mit Andreas Mangold von der Mandolinata Mannheim und Katja Brunn (inzwischen ebenfalls Mangold) vom Bundinstrumentenorchester Dresden (B.I.O.). Unsere Orchester hatten sich bei den Wahl-Pflichtstücken alle für „Auf geht’s“ entschieden (die Dresdner nahmen in Sachsen ebenfalls am Wettbewerb teil und schafften es sogar in die Ulmer Endrunde 2016), und so berichtete Katja ihrer Duopartnerin und Dirigentin des B.I.O. Birgit Pfarr, die zu dieser Zeit mit dem durchaus verwegenen Gedanken spielte, anlässlich des 66. Geburtstags ihres Orchesters ein weitestgehend sinfonisches Programm auf die Beine zu stellen, von unserem Gespräch. Um dieses Projekt zu realisieren, brauchte sie allerdings noch einen Kooperationspartner, und das ist ja so eine Gelegenheit, die man als relativ kleines Orchester, wie es die Mandolinata Karlsruhe nunmal ist, vermutlich nicht zweimal bekommt, und so sagte ich spontan zu, in der Hoffnung, das Orchester würde das genauso sehen.

Mit der nervenaufreibenden, kräftezehrenden und Geld vernichtenden Organisation hatten wir glücklicherweise nichts zu tun, das Programm jedoch entwickelten Birgit Pfarr (als treibende Kraft) und ich gemeinsam. Als erstes Stück noch ohne sinfonische Unterstützung wünschte sich Birgit das beiden Orchestern vertraute „Auf geht’s“. Wer bin ich, dass ich dazu Nein sagen würde … Ebenfalls gesetzt war im Grunde das Scherzo („Pizzicato ostinato“) aus der 4. Sinfonie von Peter Tschaikowski. Das Besondere an diesem Satz ist ja, dass die Streicher (siehe Untertitel) ausschließlich pizzicato spielen, also zupfen und nicht streichen. Dieses Stück war gewissermaßen die Initialzündung, die die Kugel ins Rollen brachte. Birgit machte daraufhin weitere Vorschläge, ich machte Gegenvorschläge, sie besprach sich mit Milko Kersten, dem Leiter des Dresdner Jugendsinfonieorchesters (wie das B.I.O. am Heinrich-Schütz-Konservatorium beheimatet), das den sinfonischen Zusatzapparat stellen sollte, und wir einigten uns zusätzlich zu den bereits genannten Stücken zunächst auf folgende Werke:

Yasuo Kuwahara, „Raidoh“ für Solomandoline und Orchester
Takashi Kubota, Tanzsuite Nr. 3
Leroy Anderson, „Jazz Pizzicato“
Gabriel Fauré, „Pavane“

Das Kuwahara-Konzert ist original mit Symphonieorchester, es gibt auch eine Fassung mit Zupforchester. Da ließ sich gut eine für unsere Zwecke brauchbare Version erstellen. Und das B.I.O. hatte mit seiner sehr talentierten Konzertmeisterin Clara Weise die geeignete Solistin auch gleich zur Hand. Dass wir uns letztlich auf die ersten beiden Sätze beschränkt mussten, war lediglich dem nicht mehr zu bewältigenden Probenaufwand geschuldet. Bei der Tanzsuite von Kubota ist zusätzlich zum Zupforchester zwar Schlagwerk vorgesehen, mit Erlaubnis des Komponisten jedoch erstellte Milko Kersten eine sinfonische Fassung, die so manchen Stellen eine überraschende zusätzliche Dimension verlieh, von der nun wahrhaftigen Monumentalität der Schlusstakte gar nicht zu reden. – Ich hatte während der Aufführung das Vergnügen, in unmittelbarer Nähe der tiefen Blechbäser und der Pauken zu sitzen, und mir haben wahrlich die Ohren geklingelt. Das ist eine physische Wucht, von der wir Zupfer nicht mal träumen können und die einen schon noch mal auf eine ganz andere Art und Weise beeindruckt.

Von Andersons „Jazz Pizzicato“ gibt es eine Orchesterfassung, das ließ sich recht leicht adaptieren, wobei verschiedene Versionen leichte Abweichungen aufweisen, die einen schon gelegentlich stutzen lassen. Und die „Pavane“ von Fauré gibt es ja in mehreren Varianten vom Komponisten selbst sowie in zahlreichen, teils kuriosen Bearbeitungen – ein Schicksal, das populäre Werke gern ereilt –, sodass eine Aufführung mit Zupforchester eigentlich nicht zu dramatischen Szenen führen durfte. Nun hatte Birgit Pfarr allerdings noch den unumstößlichen Wunsch, auch ein entsprechend besetztes Werk von mir zu spielen. Dieser führte letztlich zu „Druck“ für immerhin 2 Klarinetten, 2 Hörner, Posaune, 2 Pauken und Zupforchester sowie zu der nicht neuen Erkenntnis, dass man sich mit den Instrumenten, die man einzusetzen gedenkt, tunlichst auskennen sollte. Von der grundsätzlichen Klangvorstellung her hat es, denke ich, ganz gut geklappt, bei den teils notwendigen Realitätsanpassungen waren die Rückmeldungen von Milko Kersten und einzelnen Spielern eine große Hilfe. In gewisser Übererfüllung der Erwartungen legte ich noch eine Zugabe nach, um mich auch an den anderen eingesetzten Blasinstrumenten (Flöten, Oboen, Fagott, Trompete) abzuarbeiten, ein Western-affines kleines Stück mit dem Titel „Outlaw“. Hier schulde ich großen Dank Milko Kersten und Maxim von Gagern, die ihre Schlagwerker-Fantasie nicht im Zaum halten konnten und das Stück bei der Aufführung mit spürbar mehr Drive versorgten. Doch noch mal zurück in die Zeit der heimischen Probenarbeit, und ich vermute, dass die Dresdner ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Schon ein Solokonzert, bei dem der Solist erst kurz vor der Aufführung dazukommt, zu proben, ist vor allem für die Spieler (der Dirigent hat ja immerhin die Partitur vor Augen) nicht immer einfach. Wenn jedoch vor allem bei einem Stück wie etwa „Raidoh“ von Kuwahara außer dem Solisten (Vorteil Dresden) noch der ganze sinfonische Apparat fehlt, dann ist es für den Laien nahezu unmöglich, sich eine auch nur annähernd realistische Vorstellung vom Endergebnis und dem eigenen Beitrag zu bzw. seinem Platz in diesem Klanguniversum zu machen. Und wenn dann auch noch spieltechnische Herausforderungen auftreten, die so manchen an die Grenzen seiner Fähigkeiten bringen, dann droht schon mal Land unter. Es sind aber alle bei der Stange geblieben, und so lautete denn an Christi Himmelfahrt das Kommando: Auf geht’s nach Dresden!

Der Empfang war, wie nicht anders zu erwarten, ausgesprochen herzlich. Im Orchester saßen die Karlsruher Spieler zwar in vertrauter Nachbarschaft, bildeten jedoch innerhalb kürzester Zeit gemeinsam mit dem B.I.O. und dem ErwachsenenOrchester Saitenweise (Einstudierung: Henry Kowallik) einen bemerkenswert homogenen Klangkörper. Bei „Outlaw“ machte dann auch noch das Kinderorchester, der b.i.o.nachwuchs (Einstudierung: Franziska Henke), mit, dazu die Mitglieder des Dresdner Jugendsinfonieorchesters – alles in allem gut 120 Spieler. Aber machen wir uns nichts vor: Manchmal ist es ja schon in der 2. Reihe schwer, den Kontakt zum Dirigenten zu halten (und das ist in keinster Weise ein Vorwurf an wen auch immer). Und die 5. oder gar 6. Reihe ist natürlich eine Erfahrung, die ein Zupfer gar selten macht. Man bekommt von den Spielern vor einem kaum etwas mit, und die anderen Stimmgruppen sind teilweise sehr weit weg. Ich hatte mich mal für eine Zeit hinten zur Pauke gesetzt – das sind Entfernungen, die sind wir einfach nicht gewöhnt. Dazu kommt noch der grundlegende Unterschied, wie der Ton bei Blas- bzw. Zupfinstrumenten entsteht – mit oder ohne Einschwingvorgang. Einen solchen Gemischtwarenladen zusammenzuhalten, ist echte Schwerstarbeit – ich bin froh, dass ich nicht dirigieren musste, sondern mich aufs Probehören und auf die Moderation konzentrieren konnte. Was die ganze Sache auch noch ein wenig erschwerte und von der Dirigentin einen gewissen Langmut erforderte, war, dass die Sinfoniker kaum einmal alle gleichzeitig in der Probe sein konnten. Aber was soll’s, die lückenlose kulinarische Versorgung in bemerkenswerter Qualität und nicht zu bewältigender Quantität ließ die Lücken im Orchesteraufbau in den Hintergrund treten. Das Konzert fand dann am 27. Mai 2017 in der Dresdner Lukaskirche statt, einer Kirche, die in den 1960er-Jahren zu einem Tonstudio für den VEB Deutsche Schallplatten Berlin umgebaut worden war. Carlos Kleibers legendäre Aufnahme von Webers „Freischütz“ etwa, das erste seiner wenigen Studioprojekte, ist 1973 hier entstanden. Zwar hatten die Dresdner eifrig Werbung gemacht, Unwägbarkeiten wie langes Wochenende (Brückentag) und traumhaftes Wetter ließen jedoch keine ansatzweise realistische Einschätzung des zu erwartenden Zuspruchs zu. Und die Kirche war – voll. Rund 600 Zuhörer waren gekommen, viele mussten stehen. Schon das ein großer Erfolg.

Das Konzert begann mit dem Kinderorchester unter Franziska Henke, das neben einem italienischen Kinderlied und Wolfgang Amadeus Mozarts „Komm, lieber Mai, und mache“ auch ein neues Stück seiner Dirigentin uraufführte, das die Parameter Klangfarbe und Lautstärke auf sehr ansprechende Weise mit ausgewählter Harmonik in schönem Fluss den jungen Spielern vermittelte. Das große Orchester spielte zunächst pur „Auf geht’s“, dann sinfonisch verstärkt „Raidoh“ mit Clara Weise als souveräner Solistin und schließlich als Pausenzeichen das „Jazz Pizzicato“. Nach der Pause gab es dann als 2. Uraufführung „Druck“, gefolgt von Faurés „Pavane“, Tschaikowskis Scherzo und der auf sinfonische Dimensionen aufgeblasenen Tanzsuite von Kubota. Als finaler Rausschmeißer leistete unsere letzte kleine Uraufführung „Outlaw“ beste Dienste.

Ich finde, wir können alle mehr als zufrieden sein. Bedenken hinsichtlich der Durchführbarkeit eines solchen Mammutprojektes wurden peu à peu zerstreut, wenn auch manche vielleicht erst während des Konzertes, die Gelegenheit, in einem so großen Verband ein solches Programm zu realisieren, war möglicherweise einmalig, unser Patchwork-Orchester hat ausgesprochen gut harmoniert, und das Publikum war, und da sind wir mal ganz unbescheiden, zu Recht begeistert. Darum ein ganz herzliches Dankeschön an alle, die vor und hinter den Kulissen zum Gelingen dieses Projektes beigetragen haben.

Christopher Grafschmidt

Mandolinata beim Konzert Frauenkirche Dresden Christopher Grafschmidt Mandolinata beim Konzert Konzertplakat mit Unterschriften